LA MONTAGNE NOIRE
Augusta Holmès
INTERNATIONAL OPERA AWARDS 2024
INTERNATIONAL OPERA AWARDS 2024
Nominiert in der Kategorie “Beste Wiederentdeckung”
Lyrisches Drama in vier Akten und fünf Bildern
Deutsche Erstaufführung und erste Aufführung nach 1895
Komposition und Libretto von Augusta Holmès
Textdichtung frei nach slawischen Heldenliedern
Oper Dortmund
Premiere 13. JANUAR 2024
Team
Musikalische Leitung Motonori Kobayashi
Regie Emily Hehl
Bühne Frank Philipp Schlößmann
Kostüme Emma Sophie Hoffmann
Chor Fabio Mancini
Dramaturgie Daniel Andrés Eberhard
Besetzung
Mirko Sergey Radchenko
Aslar Mandla Mndebele
Le Père Sava Denis Velev
Yamina Aude Extrémo
Héléna Anna Sohn
Dara Alisa Kolosova
Gusla Spielerin Bojana Peković
Opernchor Theater Dortmund
Dortmunder Philharmoniker
Kritiken
Im bunkerartigen Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann gestaltet Hehl immer wieder Tableaus, die Historiengemälden gleichen, gebrochen aber werden sie durch die montenegrinische Gusla-Spielerin und Sängerin Bojana Peković. So zollt diese behutsame Inszenierung dem Stück, das keine Aufführungstradition kennt, Respekt, bezieht es philologisch auf eine volkskundliche Überlieferung zurück und reflektiert zugleich das Kräftespiel von Macht und Aneignung dabei. Feine, kluge Arbeit!
(…) Dass – anders als in „Carmen“ oder „Samson et Dalila“ – die femme fatale nicht den Opfertod stirbt, sondern als Überlebende eine Gegengeschichte tradieren kann, ist ebenso eine feministische Volte Holmès’ wie das Porträt der Yamina als freie Frau, die männliche Verfügungsgewalt als lächerlich bloßstellt.
– Frankfurter Allgemeine Zeitung | Jan Brachmann
La Montagne Noire, in der Regie von Emily Hehl, spielt das konventionelle Liebesdrama frappierend direkt als Lektion in Geschichts- und Identitätspolitik. Die Nation braucht Helden, hier die Super-Bros, auch wenn der eine ein Verräter ist und der andere darüber Lügengeschichten erzählt. Was bleibt, stiften die Dichter, in Dortmund eine blinde junge Heldenepikerin, die ihre betörend balkanischen Melismen mit der Gusla begleitet, spröde und fremdschön auf einer einzigen Saite gefidelt. Durch die dazuerfundene Figur wird die auf den ersten Blick ziemlich übliche Liebeshandlung durchsichtig für brisante und kein bisschen museale Fragen: Wie entstehen Geschichten, Geschichte? Wer erzählt uns was, und warum?
– Takt 1 | Holger Nolte
Aber das ist der Humus, auf dem Premieren wie diese erst möglich und zu einem Triumph werden können (…)
Zu Beginn des Abends – im Orchestergraben ist es noch dunkel – erscheint eine blinde Bardin im Nachthemd vor geschlossenem Vorhang, hereingeführt von einer Regieassistentin. Sie kommt tief aus der Vergangenheit. Eine Gusla-Spielerin: Heißt Bojana Peković und singt, nach alter Balkantradition sich selbst auf dieser einsaitigen Schalenhalslaute begleitend, das serbische Volkslied vom Tod des Marko Kraljević, der mit seinem Pferd sprach. Er konnte von niemandem besiegt werden, außer von sich selbst. Ein Heldenepos, zugleich die Vorwegnahme der Opernhandlung, die vom Hass zwischen Muslimen und Christen, von einer starken Frau, schwachen Männern, Krieg und Brudermord sowie Verrat und falschen Schwüren berichtet. »Die Stille dröhnt«, so kommentiert Peković diesen Prolog und ergänzt, mit halbem Lächeln: »Das verkauft sich gut in diesen Zeiten.« Wobei offen bleibt, ob Frauenfragen oder Kriegslügen gemeint sind. Wahrscheinlich beides. (…)
Glanzvoll musiziert, solistisch besetzt mit besten Kräften des Hauses und von der jungen Regisseurin Emily Hehl pittoresk bebildert, in einer betont tableauhaften, konventionellen Personenführung: So wird hier eine Fußnote der Musikwissenschaft ins pralle Bühnenleben katapultiert (…)
Aber eines wird wohl niemand behaupten: Man habe sich in diesen dreieinhalb Stunden auch nur für eine Sekunde gelangweilt. In diesem ‚Schwarzen Berg‘ ist etwas los, das bis heute noch nicht abgegolten scheint. (…) Also: Nichts wie hin.
– VAN Magazin | Eleonore Büning
Blinde Geschichtsschreibung
Als Frau hatte es Augusta Holmès Zeit ihres Lebens schwer, sich als Komponistin in Paris durchzusetzen. So ist ihre Oper La Montagne Noire nach der Uraufführung 1895 schnell in Vergessenheit geraten. Dabei zeigt das Werk eindrucksvoll die besonderen Qualitäten von Holmès, die in ihrer Musik nicht nur eine opulente spätromantische Klangsprache anschlägt, sondern auch das Libretto zu ihrem Werk selbst verfasste. Dabei wurde der Text nicht rein fiktional von ihr erdichtet, vielmehr orientierte sich die Komponistin an real überlieferten slawischen Heldenliedern, die sie teilweise wörtlich in ihrem Textbuch übernahm. Die Personen der Oper haben dabei durchaus reale Vorbilder, so etwa der Titelheld Mirko, der an die historische Figur des Marko
Kraljević angelehnt ist. Marko, ein junger serbischer Krieger, der als osmanischer Vasall auf die gegnerische Seite wechselte, wird in der slawischen
Volksliedkultur bis heute verehrt und besungen. In diesem Sinne reflektiert die Oper eindrucksvoll die Dekonstruktion von Geschichte und die Entstehung falscher Heldenmythen.
Fotos © Björn Hickmann